Dieser Text ist im Werkstattbrief zur Werklehrertagung 2020 in Prien erschienen. Coronapandemiebedingt konnte die Tagung nicht stattfinden, auch nicht im Jahr darauf. Erst im Herbst 2021 wurde der Versuch gemacht, wieder einte Tagung in Präsenz stattfinden zu lassen, diesmal im Parzivalzentrum in Karlsruhe. Dort bekam das “alte” Thema, “früher” mit dem Werkunterricht einzusetzen, was auch schon Rudolf Steiner 1922 angeregt hatte, neuen Auftrieb. Hier haben wir unter “”Früher beginnen?" dem Thema einige Aufmerksamkeit gewidmet.
Handwerklich-künstlerischer Unterricht ist das meistgenannte Motiv, warum Eltern ihr Kind in die Waldorfschule geben wollen. Schmieden beim Einführungswochenende für neue Eltern, da hüpft das Herz des Papas, das hätte er gerne für sich gehabt, das will er für sein Kind.
Das Neugeborene blickt in die Augen des ersten Menschen, der sich ihm zuwendet oder über es beugt. Dieser Blick drückt eine Weisheit aus, die überwältigend ist. Vielleicht will es sagen: ich durchschaue dich.
Alle Entwicklung geht vom Kopf aus, der ist für sich gesehen erst einmal fertig. Das Kind ist, wenn es auf die Welt kommt, völlig offen für seine Umgebung. Es nimmt über seine „Seelentore“ alles wahr, an und in sich auf. Es will alles begreifen, ganz willensmäßig, ungerichtet, auf kein Ziel fixiert. Es nimmt Laute, Töne, Bewegungen in sich auf und setzt sie direkt in Bewegung der Ärmchen und Beinchen um, zappelnd auf dem Rücken liegend, sucht so die Begegnung mit seiner Umwelt. Das sehr kleine Kind macht so erste Erfahrungen mit sich und seiner engsten Umgebung. Es ist völlig extrovertiert. Um bei sich sein zu können, muss man es einwickeln, eurythmisch „be-en“, in einer schützenden Gebärde halten. So kann es schlafen, zur Ruhe kommen und einen Besuch in der geistigen Welt machen, seinem Herkunftsort, um sich all der Dinge, Erfahrungen und Aufgaben zu versichern, die es im Gepäck hat für seine Erdenreise… Eine Zeitlang hat das Kind diese Erinnerungen noch, dann verblassen sie und verbinden sich mehr und mehr mit seinem Leib.
Wenn das Kind beginnt sich aufzurichten, hebt es seinen Kopf, blickt in seine Umgebung, sammelt optische Eindrücke. Sich bewegende Gegenstände in der näheren Umgebung reizen es, es will sie ergreifen. Rollen, Robben, Krabbeln und schließlich das sich Aufrichten, Gehen und Laufen vergrößern den Bewegungsradius immens. Im selben Maße erweitert sich das Interesse an allem Möglichen, das in seinen Wahrnehmungsbereich tritt. Der Erwachsene muss die Umgebung des Kindes absichern, ohne, dass sie uninteressant oder gar steril wird. Er muss dem Kind aber die Lern- und Erfahrungsmöglichleiten lassen, die es für seine Entwicklung braucht. Übergroße Vorsicht und Angst sind immer schlechte Ratgeber (bewusste Gefährdungsbeurteilung ist daher ein sinnvolles Instrument, auch im Elternhaus).
Es lernt, mit den Gegenständen in seiner Umgebung zu „spielen“, wobei es die Tätigkeiten in seiner Umgebung imitiert, sein Spiel ist seine Arbeit. Anfangs ist es nur das (Aus-)räumen und Betrachten, schließlich Wegwerfen. Vielleicht fängt es auch bald an zu sortieren, ineinander und aufeinander zu stapeln, aber nur solange, wie der Erwachsene in seiner Umgebung tätig ist. Das Kind macht mit, es ahmt mit, zeitgleich.
Wenn seine Phantasie erwacht, löst es sich vom Erwachsenen, geht in seine Spielecke und ahmt in seinem Spiel nach, was es vorher wahrgenommen hat: Kochen, Bügeln, Putzen, Einkaufen, Autofahren, Telefonieren, Handywischen… Es ahmt alles nach, auch Sinnloses. Erst im Spiel findet es heraus, was es für sich verwerten kann… Verbote, irgendetwas nicht zu tun oder zu lassen bewirken eigentlich nichts. Der Erwachsene muss (einfach) vorausschauend handeln. Auch unreflektiertes Handeln und Sprechen ahmt das Kind nach, mit meist einem den Erwachsenen störenden Erfolg… Verbotenes Handeln hat einen hohen Reiz…
In Zeiten dauernder Handypräsenz ist der Erwachsene ständig von außen absorbiert, der Kontakt zum Kind, besonders über den Blick ist gestört. Das Bild der jungen Mutter mit Buggy, Kleinkind in Fahrtrichtung, Handy in Aktion, brennende Zigarette und ein nerviger Hund an der zu langen Leine ist keine Seltenheit in unseren Fußgängerzonen.
Kinder mit etwa zwei Jahren verstehen sehr viel, soziale Interaktion wird bedeutsam, Unsicherheit und Uneindeutigkeit beim Erwachsenen werden vom Kind erkannt, entlarvt und aus Sicht des Erwachsenen als „Retourkutsche“ eingesetzt. Dieser fühlt sich dann leicht provoziert, eigentlich hat das Kind ihn aber nur nachgeahmt.
Mit 3-4 Jahren wird Tatsachenlogik bedeutsam. Abläufe von Prozessen müssen durchschaubar sein, so dass sie immer wieder nachgeahmt werden können. Sie müssen immer wieder in gleicher Weise passieren und so erfahren werden können. Rhythmus wird auf neue Art wichtig. Was anfangs für Still- und Mahlzeiten bedeutsam war, gilt jetzt für die Wochentage. Ein Zeitgefühl erwacht. Wiederholtes Tun bringt Erfahrung, durch übendes Wiederholen entsteht Sicherheit im Tun.
In der Kindergartenzeit präzisiert sich das Spiel immer weiter, „Spielzeug“ muss in Aussehen und Funktion immer realistischer werden, wobei es für das Kind durchschaubar bleiben muss. Gleichzeitig muss es ihm noch die Möglichkeit eröffnen, mit seiner Phantasie hineinzukommen.
„Zeug“, das etwa eindimensional an eine Kettensäge erinnert, detailgetreu nachgebildet ist und vertraute Geräusche macht, aber stumpf und damit unbrauchbar ist, hinterlässt nur das Gefühl beim Kind, dass dieses „Werkzeug“ eigentlich völlig ungefährlich ist und man damit herumspielen kann… Die Welt ist voll von solchen „so-als-obs“…
Realität wird oftmals als eine perfekte Täuschung präsentiert, selten wirklich begreifbar, häufig nur virtuell wahrnehmbar. „High-Fidelity“, kurz Hi-Fi genannt, eine Technik, die in 1960er Jahren aufkam meinte eigentlich die höchste Wiedergabetreue bei Tonträgern… Streng genommen war es eine nahezu perfekte Täuschung, analog, versteht sich. Digitaltechnik ist noch eine ganz andere Dimension…, allerdings heute zuhause in den meisten Kinderzimmern, immer und überall in endloser Vielfalt dank Internet verfügbar, der Babysitter schlechthin…unglaublich perfekt … Das Singen verstummt dabei zu leicht.
Mit dem Eintritt in die Schule, der „Geburt“ des Ätherleibs, werden die Kräfte frei, die das Kind zum „abstrakten“, leibungebundenen Lernen benötigt. Die Ebene der Ansprache ist das Gefühl, der Lehrer:in folgt das Kind nach als Autorität in allen Lebenslagen, so das Ideal… Sie vermittelt ihm die Welt in all ihren Facetten und Bedeutungen, eröffnet die Kulturtechniken und richtet alles so ein, dass das Kind ihr folgen kann, verstehen, was sie sagt und empfinden, was seelisch mitschwingt. So kann sich in ihm eine gewisse seelische Regsamkeit entwickeln, die es ermöglicht, dass Denken und Wollen in Bewegung und über das Fühlen in einen lebendigen Austausch kommen. Das Ziel eines jeden Unterrichts ist es, den Willen ins Denken zu heben und das Denken in den Willen zu führen. Ein besonderer Wert kommt dabei allem Künstlerischen zu.
„Die Welt ist schön.“ Ausgewogenheit, Harmonie, Symmetrie sind die Aspekte. Die seelische Anbindung des Kindes an das jeweilige Fach ist der Schlüssel, der „Fach- oder Epocheninhalt“ das Vehikel zur Entwicklungsförderung. Das Angebot ist idealerweise so aufgefächert, dass sich das einzelne Kind frei bedienen kann, sich mit dem versorgen, was gerade gut für es ist. Mitunter ist nichts dabei, dann muss die Lehrer*in ihr Angebot differenzieren. Das Kind will etwas lernen, in der Regel passt es auch inhaltlich und, das darf man nicht vergessen, tut das Kind eigentlich alles seiner Lehrer*in zuliebe. Das Vertrauen ist zumindest in den ersten Schuljahren ziemlich grenzenlos. Eltern haben dann ausgedient, stehen sozusagen in der zweiten Reihe. So der Idealzustand.
Die wirkliche Beziehungsfähigkeit des Schulkindes ist aber vielfach aus den verschiedensten Gründen verunsichert und irritiert. Das Vertrauen, der Lehrer*in als der liebevollen Autorität nachzufolgen muss häufig mühevoll aufgebaut werden, das sich entwickelnde Selbstbewusstsein steht auf tönernen Füßen.
„Seelische Regsamkeit“ bedeutet für einige Kinder eigentlich nur das Empfinden eines Schmerzes. Ihn zu betäuben ist häufig das Mittel der Wahl. Versachlichen der Inhalte, Reduzierung der Beziehungsmomente, Steigerung des Lerntempos, Erhöhung der Anforderungen, Leistungskontrollen, alles sind diziplinsichernde Maßnahmen. Sie erzeugen insgesamt ein diffuses Gefühl von Angst. Das Miteinander von Lehrer:innen und Schüler:innen verkümmert zu einem Gegeneinander.
Lernen mithilfe digitaler Medien leistet hier einen „hervorragenden“ Beitrag, auf den ersten Blick und nur scheinbar. Die fragwürdige Faszination erlahmt schnell, Reize müssen intensiviert und gesteigert, Levels wettstreitmäßig errungen werden. Damit rettet man sich als Lehrer:in über die Zeit, keine Frage. Wie steht es allerdings mit der Nachhaltigkeit, wo bleibt erworbenes Wissen, wie ist es mit Themen wie Sinneserfahrung, sich einlassen können, sozialer Kompetenz, Mut? Aber auch Genauigkeit, Geschicklichkeit, Phantasie, Feinmotorik, Spielfreude?
Die dankende Anerkennung des Bauern, wenn die Kinder einer dritten Klasse ihm geholfen haben ist echt, nicht pädagogisch.
Werkzeuge mit denen Kinder arbeiten, müssen scharf sein. Sonst sind sie gefährlich. Einfache Regeln können eigesehen und befolgt werden, eindeutige Aufgabenstellungen ebenso. Misslingt mir etwas, mache ich es noch einmal.
Im Zuge des nicht überschaubaren „Cyberbooms“ ist jede Form ausgeführter Handarbeit ein Segen für die kindliche Entwicklung. Alles was hier passiert ist echt, was ich tue bewirkt etwas, vielleicht „nur“ Späne… Habe ich ein Ziel, muss ich das ins Auge fassen, meine Hände schaffen, ich koordiniere, bin mit meinem Blick, meiner Aufmerksamkeit bei der Sache und zugleich bei mir. Bin ich abgelenkt, lege ich das Werkzeug weg, schaue mich um, erlebe andere Kinder, vergleiche meine Arbeit mit einer Anderen, erlebe Befriedigung oder Ansporn. Brauche ich Hilfe, hole ich mir die und bekomme sie auch, meine Fragestellung ist konkret, ich genieße zwar die Aufmerksamkeit der Lehrer:in, brauche sie aber nicht um jeden Preis, denn ihre Zeit ist nur begrenzt verfügbar. Wenn ich sie für „Aufmerksamkeitsspielchen“ verschwende, fehlt sie mir an einer anderen Stelle. Das habe ich erfahren und mir gemerkt. Beim vergleichenden Betrachten erkenne ich, dass jedes Werkstück „richtig“ ist in seiner Art, dass es unterschiedliche Fortschritte gibt, was aber unmittelbar mit mir und meiner Arbeit zusammenhängt. Manchmal habe ich keine Lust, dann tue ich etwas anderes oder tausche die Arbeit mit meiner Mitschüler*in, darauf bedacht, dass sie nicht „verhauen“ wird, muss also genaue Anweisungen geben und erhalten. Was ich nicht so sehr bemerke ist, dass die Zeit vergeht, manchmal sehr schnell. Ich lerne einzuschätzen, wie viel ich gearbeitet habe in der Zeit, die mir zur Verfügung stand, stelle fest, dass ich vielleicht doch zuviel gequatscht habe… Das sollte ich ändern, denn ich will ja bis Weihnachten fertig werden… Und Mama oder Papa sollen sich darüber freuen können…
Werken als Unterricht hat so viele Facetten, dass sie sich kaum alle benennen lassen. Manchmal ist es auch sehr anstrengend, dann geraten Mädchen oder Jungen ins Schwitzen, Jacken werden ausgezogen… Manchmal gibt's auch Blasen, wobei das nur anfangs auftritt, mit der Zeit bildet sich Hornhaut. Manchmal muss man als Lehrer:in bremsen, wenn sich Tempo und Kraft ins grenzenlose steigern wollen und die Selbstkontrolle zu kurz kommt. Lernen geschieht hier im wahrsten Sinne des Wortes ganzheitlich, alles spielt irgendwie ineinander integriert sich und wird integriert.
Die Lemniskate, die sich zeichnerisch in die Menschengestalt legen lässt, hat ihren Kreuzungspunkt in der Region des Herzens. Sie kommt im Werkunterricht tüchtig in Bewegung: Kopfkräfte werden abwärts als Aufmerksamkeit in Hände und Füße geschickt, Willenskräfte gestalten aufwärts strömend meine Gehirnstrukturen aus. Als ganzer Mensch bin ich herzlich mit dem verbunden, was ich schaffe, indem ich das verschenke auch mit den anderen Menschen.
Das Elternmotiv aus Zeiten vor der Einschulung verblasst. Anderes wird scheinbar wichtiger: Wissen, Noten, Prüfungen.
Der Blick des Neugeborenen aus seiner Weisheit heraus verändert sich, gerät vielleicht in Vergessenheit.
Wenn wir als Werklehrer dieses entwicklungsbelebende Fach unterrichten, müssen wir beide Impulse sehr ernst nehmen und wach halten, zur Not dafür kämpfen in unseren Kollegien.
Wir sind sehr nahe dran an dieser Aufgabenstellung, die Rudolf Steiner dem Gründungslehrer der Den Haager Waldorfschule Johan van Bemmelen gab und die morgens im Kollegenkreis im Anschluss an den Wochenspruch aus dem Seelenkalender gesprochen werden sollte:
Einer Sache können wir gewiss sein: jedes Kind ist ein Werker…
Heike Birk Thomas Verbeck