MICHAEL MARTIN
In den vorausgehenden Darlegungen wurde versucht, einen Verständnisgrund zu legen für das, was nun berichtet wird aus der Praxis des Unterrichtens. Ohne das Bemühen, durch Studium und Beobachtung in die Entwicklungsstufen des Kindes einzutauchen, bliebe es nur anregendes Beiwerk im Gesamtunterricht einer Schule. Was der Lehrer im Einzelnen mit den Kindern macht, richtet sich nach dessen individuellen Fähigkeiten, den örtlichen Gegebenheiten und vor allem nach den Kindern selbst. Manche Schulen haben heute noch die Gepflogenheit, in der 6. Klasse mit dem Werken zu beginnen; das entspricht den ursprünglichen Verhältnissen der ersten Waldorfschule in Stuttgart. Eigentlich sollte das Werken aber schon früher einsetzen, was damals nicht möglich war. Es ist sinnvoll und erstrebenswert, durch Handschnitzen, Plastizieren und andere Tätigkeiten die Hände der Kinder in der 5. Klasse zu üben und zu kräftigen.
Was in den vorausgehenden Klassen außer der Handarbeit noch an Handgeschicklichkeit geübt wird, sollte vom Klassenlehrer - gegebenenfalls unterstützt vom Werklehrer - ganz in den Fortgang seines Unterrichts mit aufgenommen werden (z.B. Kerzenziehen in der Adventszeit von der 1. Klasse an oder Handwerkerepochen der 3. Klasse). Man darf dem Kind das Erlebnis der ersten Werkstunden in der richtigen Werkstatt nicht durch Verfrühung nehmen.
In den nachfolgenden Berichten sind nur Anregungen gegeben und kein Lehrplansystem. So wird das Plastizieren z.B. bei den «vorhandwerklichen Arbeiten» im Hort nur erwähnt und dann erst im 5. Teil mit dem gesamten Plastizierunterricht behandelt.
Immer notwendiger wird es in der Zukunft werden, insbesondere dem Stadtkind ein Erlebnis davon zu vermitteln, woher der Werkstoff genommen wird, mit dem es arbeitet. Wohlgemerkt: nicht eine Vorstellung, sondern ein Erlebnis, mit dem es sich innerlich verbinden kann. Denn immer größer wird das Angebot von Baukästen, deren vorgefertigte Bauteile gestanzt oder gepresst sind und nur zusammengesetzt werden müssen, zumeist sogar aus völlig undurchschaubaren Kunststoffen, die das Kind in seine Erlebniswelt überhaupt nicht einordnen kann. Auch in den Heimwerkerläden finden sich nur Leisten, Platten und Brettstücke, die kein Erleben mit dem Naturzusammenhang mehr ermöglichen. Bietet sich für eine Schule die Gelegenheit zu einer «Waldepoche», so wird der Landaufenthalt einer Klasse zu einem Erlebnisfeld, das allen nachfolgenden Werkstattjahren eine tief einprägsame Grundlage gibt. Dann kann das Sägen und Spalten auf dem Werkhof, bevor das Holzstück auf der Werkbank zum Schnitzen bereitliegt, auf einem solchen Hintergrund fußen.
Das Holz ist gleichsam ein Geschenk der Natur; seine wichtigsten Aufbaustoffe werden im Zusammenwirken von Licht, Luft, Wärme und Wasser gewonnen. Die Gestaltbildung und Eigenart des Baumes zeigt bis in viele Einzelheiten hinein ihre Verwandtschaft mit dem Kosmos. Noch im Beginn der Neuzeit war das Wissen um die Beziehungen zwischen der Erdenwelt und den Kräften der Planeten lebendig. Heute sucht man unter ganz anderen Voraussetzungen erneut solche Zusammenhänge zu erforschen[1].
Die Gemütskräfte werden durch den Umgang mit dem Holz angeregt, und es entspricht der Altersstufe der Kinder, dass der an sich sachlich betonte Unterricht im Werken die Gefühlskräfte mit umfasst und beteiligt. Freude, Staunen und Verwundern haben ihren Platz im Werkstatt-Unterricht ebenso wie heiterer Humor und aufmunternde Frische. Dadurch entsteht erst die richtige Stimmung zum Schaffen. Davon geben die nachfolgenden Berichte Zeugnis.
[1] R. Steiner, GA 13, 1910