MICHAEL MARTIN
Man könnte meinen: wozu eine Schreinerwerkstatt? Holz ist Holz, ob geschnitzt oder gehobelt, das ist fast dasselbe. Äußerlich angeschaut stimmt das genau. Der Charakter, die unbewusste Wirkung auf den Menschen ist aber eine völlig andere als die der «Schnitzwerkstatt»; denn beim Schnitzen taucht man in eine ganz andere Welt ein als beim Schreinern.
In der Schreinerei liegen Bretter aufgestapelt, zuerst noch sägerau und mit Waldkante, später besäumt und gehobelt; sie haben dann exakt genau gleiche Länge, Breite und Dicke und können in beliebiger Menge hergestellt, d.h. wiederholt werden. Die Maserung der geraden Oberfläche fällt uns in Farbe und Schönheit mehr noch auf als beim Schnitzen. Sonst ist von der natürlichen, ursprünglichen Wuchsform nichts mehr zu bemerken. Könnte ein Mensch, der nie einen Baumstamm gesehen hat, sich allein aus der Wahrnehmung von Brettern das Bild eines Baumstammes in der Vorstellung aufbauen? Höchstens noch durch die Stirnseite, wenn er die Bretter den zerschnittenen Jahresringen gemäß zusammensetzen würde... Das gespaltene, massive, stets in Krümmungen verlaufende Naturholz bildet einen krassen Gegensatz zu dem Ebenmaß eines Brettes. Jenes ist einmalig, dieses stets reproduzierbar; dazu kann die Maschine eingesetzt werden. Sie leistet diese Arbeit besser und schneller. Die Hände sind berufen, das Kunstwerk als einmaliges Werk zu schaffen; die Reproduktion des Gleichen muss von ihnen in jahrelanger Übung erlernt werden. Es ist sinnvoller, das Gleiche durch Maschinen herzustellen.
Das Brett als Werkmaterial für den Schreiner fordert zu konstruktiv gedachten Holzverbindungen heraus[1]. Diese stützen sich auf jahrtausendalte Erfahrungen. Der rechte Winkel spielt dabei eine wenn auch nicht ausschließliche, so doch bedeutsame Rolle.
Hatten die Menschen des Mittelalters «Angst» vor der geraden Linie, der unbestechlich ebenen Fläche, wenn sie die krummen Balken in ihre Fachwerkhäuser sachgemäß einbauten, die Straßen ihrer Städte in sanften Bögen krümmten? Fürchteten sie die Kälte, das geometrisch Nüchterne, das durch rechtwinklige Konstruktionen schon im Fachwerkbau anklang? Ahnten sie den erstarrten Stahlskelettbau unserer Tage voraus? War es ihre Sorge, das Elementarisch-Natürliche, das stets sich Wandelnde zu verlieren und gegen das ewig wiederholbare Gleiche eintauschen zu müssen? «In der Formgeschichte ist die Gerade ein Spätprodukt», sagt Le Corbusier[2] und bezeichnet diese im Zusammenhang mit dem Rechteck als den Höhepunkt unserer Epoche.
Damit sollen Fragen angeregt werden, die nichts mit einer qualitativen Wertung zu tun haben, sondern helfen wollen, den Stimmungsgehalt einer Schreinerei zu charakterisieren im Gegensatz zu der Werkstatt, in der geschnitzt wird. Hier wird noch ein unmittelbarer Strom spürbar, der aus der Natur herausführt in den menschlichen Bereich; dort begegnen wir einer hohen verfeinerten Stufe menschlichen Schaffens, die es uns möglich macht, echte künstlerische und geistige Kultur mit zu begründen, sobald das rein Konstruktive da, wo es angebracht ist, überwunden wird.
In der Schreinerei können konstruktive Zeichnungen, Reproduktionen alter Möbel und Werkzeuge, großformatige Fotos von der Gewinnung der Hölzer und ihrer Verarbeitung als Wandschmuck dienen bis hin zu Entwürfen neuer Versuche, die das Gebrauchsmöbel wieder aus der reinen Kastenform befreien und dadurch dem Menschen näherbringen wollen. Gut ist es auch, durch verschiedenartige Holzverkleidungen oder seltene Furniere fremder Länder die Wände zu gestalten.
In der Schnitzwerkstatt kann die Stimmung angeregt werden durch Bilder von Bäumen und Tieren des Waldes, durch Fraßbilder des Borkenkäfers, Zapfen und Früchte, Baumscheiben mit originellen Wuchsformen und vielem anderen, das der Werklehrer selbst von seinen Entdeckungen im Bereich der Bäume, des Waldes und Holzes in die Werkstatt hereinträgt, wozu er den Kindern etwas erzählen wird. Aber auch Abbildungen von alten Schnitzwerken und Gebrauchsgeräten aus Holz sind als Wandschmuck geeignet - und der Humor darf nicht fehlen!
Sicher wird es selten sein, dass die beiden hier gemeinten Bereiche im Schulbetrieb so getrennt werden können, wie es angeregt wird. Man kann aber Schwerpunkte bilden. Grundsätzlich gilt, dass man die Gesinnung des Lehrers an der Gestaltung seines Werkraumes ablesen kann. Und hier stehen unerschöpfliche Möglichkeiten offen.
Wer ist Lehrling? Jedermann.
Wer ist Geselle? Der was kann.
Wer ist Meister? Der's ersann.
Goethe
[1] Siehe F. Weidler, „Die Schreinerepochen“
[2] Le Corbusier, „Von der Poesie des Bauens“